Trauerrede nach Suizid oder Unfall: Sandra Werner, Trauerrednerin in Karlsruhe, nachdenklich mit der Hand am Kinn

„Du hältst jetzt Trauerreden? Das könnte ich ja nicht!“

„Du hältst jetzt Trauerreden? Das könnte ich ja nicht!“

Ich höre diesen Satz oft. Er ist freundlich gemeint. Ein bisschen Bewunderung schwingt mit und ein bisschen Erleichterung, dass es jemand anderes macht. Selten fragt danach jemand weiter: Was macht eine Trauerrednerin eigentlich? Und warum tut sie sich das an?

Meine kurze Antwort lautet: Ich schon.

Die lange Antwort beginnt vor einer Tür.

Die erste Tür

Ich war 17, als ich zum ersten Mal vor einer fremden Tür stand und wusste, was ich gleich sagen muss.

Es gibt diesen Augenblick, bevor eine Tür aufgeht. Drinnen ist noch ein ganz normaler Tag. Vielleicht läuft das Radio, vielleicht wird gerade der Tisch gedeckt. Draußen stehst du und weißt, dass dieser Tag gleich in zwei Hälften zerbricht. In ein Davor und ein Danach.

Dann ging die Tür auf. Dahinter stand eine Mutter. Ich musste ihr sagen, dass ihre Tochter nicht mehr nach Hause kommt. Straßenbahnunfall.

Ich weiß bis heute nicht, ob es Worte für so etwas gibt. Ich musste sie trotzdem finden.

Viele Türen. Viele Hände.

Es blieb nicht bei dieser einen Tür. Mit den Jahren wurden es viele. Ich habe sie nie gezählt. Hinter jeder wartete jemand, der noch nicht wusste, dass sein Leben gleich ein anderes sein würde. Und davor stand ich, mit einer Nachricht, die ich nicht zurücknehmen konnte.

Und da waren Hände. Hände von Menschen, die gerade ihren letzten Atemzug machten. Hände von Menschen, die schon gestorben waren. Kleine Hände. Alte Hände. Große Hände.

Ich habe sie gehalten.

Was in der Akte steht

Danach kam das, was mein Beruf von mir verlangte. Ich kannte die Namen. Geburtsdatum, Personalien, Todesursache. Natürlicher Tod oder nicht natürlicher Tod. Angehörige verständigt. Sachverhalt dokumentiert. Aktenzeichen vergeben.

Die Sprache einer Akte ist genau. Sie lässt nichts weg, was sich prüfen lässt. Und sie lässt alles weg, was einen Menschen ausmacht.

Irgendwann war der Einsatz vorbei. Akte geschlossen. Ich ging weiter. Das musste ich.

Was ich fast nie erfahren habe

Eines habe ich in all den Jahren fast nie erfahren: wer dieser Mensch eigentlich war.

Wen hatten diese Hände getröstet? Wen hatten sie festgehalten? Wessen Hand hatten sie selbst gesucht, wenn es schwierig wurde? Wie hat dieser Mensch gelacht? Was hat ihn auf die Palme gebracht?

Nichts davon stand in meinen Akten. Ich kannte das Ende vieler Geschichten. Den Anfang und die Mitte, also all das, was ein Leben eigentlich ist, kannte ich nicht.

Fast dreißig Jahre lang war ich oft die letzte Fremde in einer Geschichte.

Was macht eine Trauerrednerin: Sandra Werner, Trauerrednerin aus Karlsruhe, hört zu und fragt nach dem Leben

Was macht eine Trauerrednerin? Sie fragt nach dem Leben.

Heute sitze ich wieder Menschen gegenüber, die jemanden verloren haben. Am Küchentisch, auf dem Sofa, bei einem Kaffee, der meistens kalt wird, bevor ihn jemand trinkt. Und meine erste Frage ist eine ganz andere als früher.

„Erzählt mir von ihm. Wie war er?“

Erst kommt Zögern. Die Antworten sind vorsichtig, als müsste man aufpassen, nichts Falsches über einen Toten zu sagen. Dann wird es mehr. Jemand erinnert sich an eine Macke, die alle kannten. Jemand anderes zitiert einen Spruch, und plötzlich hat ihn jeder wieder im Ohr, in genau diesem Tonfall.

Manchmal weint jemand. Und manchmal lacht plötzlich der ganze Tisch. Ein Lachen, mit dem keiner gerechnet hat, am wenigsten die, die gerade lachen.

Einen Fragebogen habe ich nicht dabei. Die wichtigsten Sätze fallen selten auf eine direkte Frage. Sie kommen nebenbei, wenn jemand sagt: „Typisch für ihn war eigentlich …“ Genau dort beginnt die Rede.

Aus diesen Sätzen schreibe ich keinen Lebenslauf. Jahreszahlen kommen nur vor, wenn sie etwas erzählen. Ein Mensch darf in meiner Rede schwierig gewesen sein, stur, laut oder sehr still. Echte Menschen sind interessanter als perfekte.

„Das könnte ich ja nicht.“ Ich schon.

Ich verstehe, woher der Satz kommt. Wer selten mit dem Tod zu tun hat, stellt sich eine Trauerfeier vor allem schwer vor. Tränen, Stille, Menschen, die nicht wissen, wohin mit ihren Händen.

Für mich liegt das Schwere woanders. Es lag vor all den Türen, an denen ich geklingelt habe. Heute darf ich die Fragen stellen, die damals in keine Akte gepasst haben. Und ich darf so lange zuhören, bis ein Mensch wieder im Raum ist.

Aus meinem alten Beruf habe ich etwas mitgebracht, das sich nicht üben lässt: Ich erschrecke nicht. Nicht vor Schweigen, nicht vor Wut, nicht vor einem Lachen mitten in der Trauer. Menschen reagieren auf den Tod so verschieden, wie sie gelebt haben. Nichts davon muss ich glätten.

Früher stand am Ende ein Aktenzeichen.

Heute wünsche ich mir etwas anderes. Dass nach der Feier jemand vor mir steht und nur einen Satz sagt:

Genau so war er.


Mehr davon?

In diesem Blog schreibe ich über das, was ich an Küchentischen und in Trauerhallen erlebe. Und über alles, was dazwischenfunkt. Wenn ein neuer Text online ist, sage ich auf Instagram Bescheid.

Du hast jemanden verloren und suchst eine Trauerrednerin in Karlsruhe oder Umgebung? Hier erfährst du, wie ich Trauerfeiern gestalte. Wenn der Tod plötzlich kam, durch einen Unfall oder einen Suizid, findest du auf der Seite zu plötzlichen und schweren Abschieden mehr dazu. Und wer ich sonst noch bin, steht auf Über mich.

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