Nicht geübt. Erlebt.
„Darauf bereitet dich kaum eine Ausbildung vor.“
Diesen Satz habe ich neulich gelesen. Es ging um Abschiede nach einem Unfall, einem Suizid, einem Gewaltverbrechen oder dem Tod eines Kindes.
Ich habe genickt. Das stimmt.
Mich hat auch keine vorbereitet.
Mich haben die Momente selbst vorbereitet. Fast dreißig Jahre lang, bei der Polizei. Kein einziger davon war ein Rollenspiel. Sie sind passiert, an einem ganz gewöhnlichen Dienstagnachmittag genauso wie mitten in der Nacht, und ich war da, weil es mein Dienst war und weil in diesem Moment niemand anders kommen konnte.
Was man lernen kann. Und was nicht.
Man kann lernen, was man in so einem Gespräch sagt. Formulierungen, Gesprächsführung, den richtigen Abstand. Das ist sinnvoll, und ich werde es nicht kleinreden.
Was sich nicht üben lässt, ist der Augenblick, in dem ein Mensch vor dir begreift, was du gerade gesagt hast. Du merkst, dass alles, was du dir zurechtgelegt hast, jetzt nicht mehr passt. Und du musst trotzdem bleiben.
Dass jeder Mensch in so einer Lage anders reagiert, steht in jedem Lehrbuch. Wie anders, steht nirgends. Ich habe Menschen erlebt, die ganz ruhig geworden sind und Kaffee gekocht haben, weil man das eben macht, wenn Besuch kommt. Andere haben geschrien, und zwar mich an. Manche haben minutenlang gar nichts gesagt. Und manchmal hat jemand gelacht, kurz und hilflos, weil der Körper nicht wusste, wohin mit diesem Satz.
Nichts davon war falsch.
Das ist vielleicht das Wichtigste, was ich in all den Jahren gelernt habe.
Was ich davon in jede Trauerfeier mitnehme
Ich kann Stille aushalten. Die meisten Menschen halten in so einem Moment keine zehn Sekunden Schweigen aus. Sie füllen es mit Trost, mit Erklärungen, mit „Ich weiß, wie du dich fühlst“. Ich lasse die Stille stehen. Was danach kommt, ist fast immer wichtiger als alles, was ich hätte sagen können.
Ich nehme Wut nicht persönlich. Sie gehört dazu, auch die Wut auf den Menschen, der gestorben ist. Gerade nach einem Suizid ist sie oft da, und direkt daneben sitzt das schlechte Gewissen, sie überhaupt zu haben. Ich muss dann nichts geraderücken. Ich muss nur dableiben.
Ich beantworte keine Frage, auf die es keine Antwort gibt. Das Warum kommt in fast jedem Gespräch, und jede Antwort darauf wäre kleiner als die Frage. Also lasse ich sie offen. Für die meisten Familien ist das leichter zu ertragen als ein Satz, der etwas erklären will, das sich nicht erklären lässt.
Und ich erschrecke nicht, wenn gelacht wird. Wenn mitten in diesem ganzen Elend jemand eine Geschichte erzählt, über die alle lachen müssen, dann holt da ein Mensch kurz Luft. Respektlos ist daran gar nichts.
Trauerrede nach Suizid oder Unfall: Wenn der Tod alles andere übertönt
Bei einer Trauerfeier nach einem plötzlichen oder gewaltsamen Tod ist der Raum ein anderer. Es sitzen Menschen da, die mehr wissen als andere. Manche geben sich Schuld. Viele warten darauf, ob vorne jemand ausspricht, was alle wissen.
Ob das Wort fällt, entscheide ich nicht allein. Das besprechen wir vorher in Ruhe. Manche Familien wollen es ausgesprochen haben, weil Schweigen sich für sie wie eine Lüge anfühlt. Andere wollen es auf keinen Fall. Beides ist richtig, und beides lässt sich so sagen, dass niemand im Raum bloßgestellt wird.
Eins ist mir dabei immer wichtig: Der Mensch darf nicht hinter seinem Tod verschwinden. Ein junger Mann ist nicht nur der, der mit dem Motorrad verunglückt ist. Er ist auch der, der beim Grillen nie warten konnte, bis die Kohle richtig durch war. Eine Frau ist nicht nur die, die sich das Leben genommen hat. Sie ist auch die, die jeden Geburtstag im Kalender stehen hatte und trotzdem immer einen Tag zu spät angerufen hat.
Genau diese Dinge gehören in die Rede. Damit die Menschen im Raum wieder den sehen, den sie verloren haben, und nicht nur das, was passiert ist.
Warum ich das hier schreibe
Es gibt inzwischen viele Rednerinnen und Redner, die sich auf schwere Abschiede spezialisieren. Das ist gut so, der Bedarf ist da, und ich spreche niemandem ab, dass er das kann.
Ich kann nur erzählen, woher meine Ruhe kommt.
Sie kommt nicht aus einem Wochenendkurs.
Sie kommt aus fast dreißig Jahren, in denen ich nicht gehen konnte, wenn es schwer wurde. Aus Situationen, die sich nicht wiederholen ließen und die ich trotzdem nie vergessen habe.
Heute bin ich Trauerrednerin in Karlsruhe. Ich arbeite von Grünwettersbach aus, in Karlsruhe und Umgebung, bei schweren Abschieden auch darüber hinaus. Wenn ihr gerade in so einer Situation seid, müsst ihr nichts vorbereiten. Ihr müsst nicht einmal wissen, was ihr sagen wollt.
Ruft mich einfach an.
Mehr davon?
In diesem Blog schreibe ich über das, was ich in Trauerhallen und bei Hochzeiten erlebe. Und über alles, was dazwischenfunkt. Wenn ein neuer Text online ist, sage ich auf Instagram Bescheid.
Der Tod kam plötzlich, durch einen Unfall, einen Suizid oder ein Verbrechen? Auf der Seite zu plötzlichen und schweren Abschieden erfährst du, wie ich in solchen Situationen arbeite. Wie ich Trauerfeiern grundsätzlich gestalte, steht auf der Seite Trauerrednerin Karlsruhe. Und wer ich sonst noch bin, auf Über mich.
Und falls du das hier liest, weil du selbst gerade an einem Punkt bist, an dem du nicht mehr weiterweißt: Bei der Telefonseelsorge hört dir Tag und Nacht jemand zu. Kostenlos, unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.